Tag 7 – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert

Um die siebte Frage der Bücherliste zu beantworten, habe ich zunächst eine halbe Stunde lang völlig ratlos auf meine Bücherregale gestarrt und die Buchrücken überflogen. Da mich einige der Bücher an bestimmte Personen erinnern, entschloss ich mich das Buch zu wählen, (mit dem mich die persönlichtse Erinnerung verbindet) an das ich am längsten nicht mehr gedacht hatte: Rafik Schamis „Reise zwischen Nacht und Morgen“.

In der siebten oder achten Klasse wurden meine beste Freundin und ich auseinander gesetzt. Wie es in diesem zarten Alter üblich ist, redeten wir fast ohne Unterbrechung während des Unterrichts. Wir fanden es damals natürlich „voll fies“ (oder so ähnlich), aber im Nachhinein kann ich unsere Lehrerin natürlich verstehen. Pubertierende Mädchen können sehr anstrengend sein. Ich wurde neben Almut gesetzt, die damals zwar seit der fünften Klasse zu unserem Mädchenfreundeskreis gehörte, mit der ich mich aber vorher nie intensiv beschäftigt oder gar zu zweit verabredet hatte.

Relativ schnell stellten wir fest, dass es einiges gab, das uns verband (diese Gemeinsamkeiten wirkten sich selbstverständlich auch auf unser Verhalten im Unterricht aus, so dass sich die pädagogische Maßnahme als erfolglos erwies): Wir lebten beide als Scheidungskinder bei unseren Vätern, interessierten uns für Geschichte und Kunst und waren ein bisschen ziemlich altklug.  Almut war die erste Altersgenossin, die ich kennenlernte, die genauso viel und gerne las wie ich.  Wir entdeckten gemeinsam u.a. die Werke von Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Dostojewski, den Manns und Herrmann Hesse. Wir tauschten uns aber auch über unsere liebsten Kinderbücher aus. Ich kann mich erinnern, dass Almut mich, als ich eine Woche lang krank war, jeden Tag besuchte und mir zur Genesung Michael Endes „Die unendliche Geschichte“  vorlas, die wir beide lieb(t)en.

Sie brachte mir auch einen Autor näher, von dem ich vorher noch nichts gehört/gelesen hatte: Rafik Schami. Sie lieh mir seine Bücher „Eine Hand voller Sterne“ und  „Erzähler der Nacht“ und ich verschlang sie regelrecht. Schami entführte mich in die ferne und fremde Welt des Syriens seiner Kindheit und Jugend. Die Farben, Gerüche und Geräusche, die die Damaszener Altstadt seiner Erzählungen erfüllten, sind in meiner Erinnerung so präsent und real, als wäre ich selbst dort gewesen. In Reise zwischen Nacht und Morgen erzählt Schami die Geschichte des 60jährigen Zirkusdirektors Valentin, den nach dem Tod seiner Frau ein überraschender Brief erreicht. Sein Kindheitsfreund Nabil, der immer schon vom Zirkus geschwärmt hat, lädt ihn und seinen gesamten Zirkus in das Land Ulania ein. Nabil ist todkrank und wünscht sich den kurzen Rest seines Lebens mit Valentins Zirkus durchs Land zu ziehen. Da Valentin seit dem Tod seiner Frau dem Zirkusgeschäft in Deutschland ohnehin nur noch lustlos nachgeht und der vermögende Nabil eine großzügige Vorauszahlung getätigt hat, schifft er sich und seinen Zirkus Richtung Orient ein und erfüllt Nabil seinen Wunsch. Neben dieser Rahmenhandlung erzählt Schami auch die Lebensgeschichte Valentins, der die Reise nutzt um die Wahrheit über seine Herkunft herauszufinden. In „Reise zwischen Nacht und Morgen“ geht es, wie in vielen Büchern Schamis um Treue, Freundschaft, Familiensinn, (Menschen-)Liebe und Stolz. Die Politik spielt keine, bzw. eine nebensächliche Rolle in diesem Roman (einmal wird der Zirkus von Terroristen/Fundamentalisten bedroht/ bei der Jubiläumsfeier lässt die Regierung Ulanias Systemkritiker zusammenschlagen), das habe ich allerdings nicht als Schwäche empfunden.

Der Roman erschien 1995, in dem Jahr als Almut und ich begannen uns voneinander zu entfernen. Bis zur elften Klasse waren wir „unzertrennlich“, dann wechselte sie an ein Oberstufengymnasium und unsere Freundschaft verlief sich im Sande. Vor ca. sieben Jahren haben wir uns noch einmal getroffen, da wir zufällig zur gleichen Zeit in unserer Heimatstadt waren. Ich fand das Treffen sehr schön: natürlich hatten wir uns „auseinandergelebt“, oder überhaupt erst angefangen unsere Leben zu leben, trotzdem habe ich mich gefreut  die „erwachsene“ Almut zu sehen. Kontakt haben wir heute nicht mehr, aber ich trage sie für immer in meinem Herzen und möchte unsere gemeinsame Zeit nicht missen. Ohne sie wäre ich nicht die Julia, die ich bin. Jedes Mal wenn ich „Reise zwischen Nacht und Morgen“ in meinem Bücherregal sehe, denke ich an Almut und hoffe sie ist glücklich. Und irgendwann, wenn ich um die  sechzig und Zirkusdirektorin bin, erhalte ich vielleicht einen überraschenden Brief, mit einer Einladung in ein fremdes Land, die ich nicht ablehnen kann…

Die komplette Bücherfrageliste

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Lesen, Quatsch, Unterhaltung

Eine Antwort zu “Tag 7 – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert

  1. josi

    Zauberhaft schöner Text. Ich hoffe, Almut sieht ihn auch mal.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s