„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich…

… jede unglückliche Familie aber ist auf ihre Art unglücklich.“

Mit dieser scheinbar lapidaren Feststellung „fing“  Leo Tolstoi in seinem Roman „Anna Karenina“ den neugierigen Leser schon mit dem ersten Satz. Denn nichts ist effektiver wenn man dem eigenen Glück oder Unglück in der Wirklichkeit für einen Augenblick entfliehen möchte, als sich in die Position des Voyeurs zu begeben und sich in die Beobachtung des Schicksals anderer zu vertiefen. Aber für die alltägliche Realtätstflucht muss es ja nicht immer Weltliteratur sein. Für erste tut’s vielleicht schon mein Serientipp Nummer eins: meiner Meinung nach die witzigste US-amerikanische Sitcom aller Zeiten und mit leider nur 53 Episoden in drei Staffeln (2003-2006) meine „kürzeste“ Empfehlung.

„Now the story of a wealthy family who lost everything – and the one son who had no choice but to keep them all together…“, lautet die fast schon tolstoi-esk lapidare und verlockende Einleitung zur Serie „Arrested Develpoment“ von Mitchell Hurwitz. Mit diesem Satz ist der Haupthandlungsstrang schon erklärt: nach der Inhaftierung des Familienoberhauptes wegen Veruntreuung übernimmt der Protagonist Michael Bluth als zweitältester Sohn die Verantwortung für eine Familie, die zum größten Teil aus materiellen, verwöhnten, faulen Egoisten und Neurotikern zu bestehen scheint,  um den Ruin des Familienunternehmens abzuwenden. Doch das reizvolle an der Sitcom ist nicht die  tatsächliche Geschichte, es sind die Details, wie die unglaublich gute Besetzung und die brilliant und mit viel Liebe zur absurden Individualität entwickelten, skurrilen Charaktere (Haupt-, wie Nebenrollen), die teilweise so überspitzt sind, dass sie schon wieder glaubwürdig  wirken.

Unter all der Selbstsucht hat jedes Mitglied der Familie Bluth in seinem tiefsten Inneren nur das menschliche Bedürfnis geliebt zu werden und Anerkennung zu finden, doch die Eitel- und Empfindlichkeiten machen eine ehrliche und offene Kommunikation darüber unmöglich, führen immer wieder zu Verwechslungen und Mißssverständnissen und liefern dem Zuschauer damit eine Menge Stoff zum Lachen. Typische Familiendynamiken werden aufgegriffen und in ihrer ganzen Unausweichlichkeit präsentiert.

Ein bestimmendes Element ist neben Slapstick und dem doppeldeutigen Wortwitz auch der selbstreferenzielle Humor der Serie, durch den  jedes noch so kleine Detail, jede scheinbar unwichtige Szene in einer der nächsten Folgen schon zum Running Gag werden kann. Sogar die realen Produktionsbedingungen der Serie finden ihr Echo in der Handlung, so wird der Rechtsstreit, den die Seriemacher aufgrund ihrer Namensgebung mit der gleichnamigen HipHop-Gruppe hatten, in einer Folge verwertet und Schleichwerbung ins Lächerliche gezogen, indem sie in den Vordergrund gerückt wird.

Ein weiteres schönes Detail an Arrested Development ist auch der pseudo-dokumentarische Stil: es gibt einen nicht sichtbaren Erzähler, der auch das Intro spricht; die Aufnahmen wurden größtenteils mit Hand-Kameras aufgezeichnet und die Handlung wird häufig durch Einspieler unterbrochen, die Filmaufnahmen, Fotos oder weiteres Informationsmaterial zeigen, die dazu dienen die Aussagen der Figuren zu bestätigen oder zu widerlegen. Neben der sehr guten Stammbesetzung haben auch mehrere bekannte Schauspieler in wiederkehrenden Gastrollen  an der Sitcom mitgewirkt: unter anderem der als Fonzie aus Happy Days bekannte Henry Winkler, Liza Minelli, Carl Weathers, Charlize Theron, Zach Braff, Ben Stiller und Julia Louis-Dreyfus. Mehr Details will ich gar nicht verraten, von der Qualität kann und muss man sich ohnehin selbst überzeugen.

Den geringen kommerziellen Erfolg der Serie kann ich mir nicht erklären. Vielleicht ist/war sie einfach zu intelligent, witzig und temporeich für den Mainstream, es scheint aber (zumindest im Internet) eine große Fangemeinde zu geben und es gab das Gerücht ein Film sei geplant. Mir ist zu Ohren gekommen, Arrested Development liefe auch im deutschen Fernsehen auf comedy central, oder so, meine Empfehlung bezieht sich aber auf die englischsprachige Originalversion, da ich mir nicht vorstellen kann, dass nach der Synchronisation noch viel des ursprünglichen Wortwitzes erhalten geblieben ist.

Viel Spaß beim Entdecken & nicht vergessen: There’s always money in the banana stand!

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Leben, Quatsch, Serie, Unterhaltung, Zeitverschwendung

Eine Antwort zu “„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich…

  1. Danke für den Tip! Auch wenn du ihn mir schon vor nem halben Jahr gegeben hast. Dafür kann ich jetzt endlich mitreden 😉

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